Müssen wir Projekte noch managen oder reiten wir ein totes Pferd?

In PRINCE2-Blog by Oliver Buhr1 Comment

Müssen wir Projekte noch managen oder reiten wir ein totes Pferd?

Sobald wir agil vorgehen, müssen wir dann überhaupt noch Projekte managen? Genau diese Frage stelle ich mir in letzter Zeit immer wieder.

Ich stelle mir diese Frage, denn agile Ansätze brauchen kein Management im klassischen Sinne mehr, denn sie setzen auf Selbstorganisation. Sie brauchen keine detaillierte Planung mehr, denn sie setzen auf emergente (sich selbst entwickelnde) Lösungen. Hat das Projektmanagement also bald vollständig ausgedient oder müssen wir Projekte noch managen? In diesem Artikel versuche ich auf diese Frage eine Antwort zu finden.

Reiten wir ein totes Pferd

Jede Meinung ist subjektiv – Wie komme ich zu meinem Standpunkt?

Vorab ist es wichtig zu wissen, wo ich herkomme: Wie viele andere auch, die schon einige Berufsjahre hinter sich haben, bin auch ich mit den klassischen Projektmanagement-Methoden verwurzelt. Ohne irgendetwas von Projektmethodik oder -techniken zu wissen habe ich Projekte zu Beginn einfach hemdsärmelig geleitet. Bald darauf habe ich mich mit vielen klassischen Methoden vertraut gemacht. So habe ich gelernt, Projekte richtig zu managen. Ich habe es zu schätzen gelernt, ein Projekt vollständig im Griff zu haben, Projekte noch managen zu können und alle Disziplinen des Projektmanagements beherrscht und angewendet. Stakeholdermanagement, Risikomanagement, Requirementsmanagement und Changemanagement waren nur einige der üblichen Themengebiete. Ich bin sehr professionell vorgegangen und meine Projekte verliefen dank dieser Professionalität äußerst erfolgreich. Seit 10 Jahren entwickeln sich nun jedoch die neuen, agilen Ansätze im Projektmanagement und sie faszinieren mich.  Sie machen Projekte nicht nur leichter, beweglicher und kundenorientierter sondern bringen dazu auch noch mehr Spaß in die Projektarbeit. Ich bin überzeugt von den Vorteilen agiler Vorgehensweisen und vermittle die Kriterien für das agile Projektmanagement-Modell sehr gerne in meinen Seminaren und Workshops.

Ist die Vermittlung von klassischem Projektmanagement also überhaupt noch zeitgemäß?

Während ich also in höchsten Tönen von agilen Vorgehensweisen spreche und diese gerne vermittle, bin ich gleichzeitig noch immer sehr erfolgreich damit unterwegs, „klassischen“ Unternehmen dabei zu helfen, ein funktionierendes Projektmanagement zu implementieren. Dann und wann beschleicht mich daher eine ganz spezielle Frage: „Ist klassisches Projektmanagement denn überhaupt noch zu empfehlen, müssen wir Projekte noch managen oder reite ich hier ein totes Pferd?“ Gerade wenn ich den geschätzten Kollegen Niels Pfläging in seinem Buch sagen höre, Projektmanagement beraube Projektteams ihrer wichtigsten Ressourcen. Dann beschleichen mich doch gerne einmal Zweifel an dem, was ich tue.

Was bedeutet für mich „klassisch“ und „agil“?

Bevor ich meine Antworten darstelle, halte ich es für sinnvoll, die Begriffe „klassisch“ und „agil“ sowohl für die Leser als auch für mich zu präzisieren.

Agil: Dies ist nicht gleichbedeutend mit Scrum. Agile Vorgehensweisen gehen weiter, agil ist mehr als eine Haltung und eine Einstellung zu betrachten. Es handelt sich um eine neue Form wie Menschen zusammen arbeiten. Eine moderne Methodik sowohl einzelne Projekten zu managen als auch überall sonst in Unternehmen zu interagieren. Agile Methoden gehen tiefer, bis zu einer neuen Ethik und einem anderen Menschenbild.

Klassisch: Dies ist ein von mir gewählter Begriff um eine Abgrenzung zu „agil“ zu schaffen. Ich bezeichne „klassisch“ als die bisherige Form Projekte in Unternehmen zu managen. Bezeichnend sehe ich hierfür Begriffe wie „Planung“ und „Steuerung“. Gleichzeitig möchte ich aber betonen, dass ich mit mit diesem Begriff „klassisch“ keinerlei Wertung verbinde, da mir an diese Methodik verknüpfte Vorgehensweisen keineswegs veraltet oder überholt vorkommen.
Die Antwort auf meine Ausgangsfrage: „Müssen wir Projekte noch managen?“

Wie sich Arbeitsweisen stetig verändern, so wird sich garantiert auch meine Einstellung zu den beiden Begriffen „klassisch“ und „agil“ weiterentwickeln. Bitte verstehe diese 5 Antworten auf meine Einstiegsfrage daher eher als Hypothesen und ein aktuelles Stimmungsbild, ob Projekte überhaupt noch klassisch gemanagt werden müssen.

Meine Antwort lautet „Ja, wir brauchen weiterhin klassisches Projektmanagement, denn…“:

  1. Agilität setzt auf Vielfalt. Viele klassische Projektinstrumente bereichern auch agile Projekte und sollten daher auf keinen Fall ausgeschlossen werden.
  2. Wirksame Agilität braucht die passende Kultur. Die Kultur verändert sich langsam. Viele klassische Projektunternehmen benötigen aber eine schnelle Verbesserung ihrer Projektergebnisse. Mit dem Einsatz klassischer Methoden braucht es weniger Zeit als mit agilen Ansätzen.
  3. Nicht immer sind alle beteiligten Parteien im Projekt agil. Viele Projekte haben mannigfaltige Vernetzungen zu anderen Abteilungen und Organisationen. Dort herrschen oft klassische Managementprinzipien, mit agiler Zusammenarbeit wird es holprig und für das Projekt gefährlich.  (Kontrollverlust in Projekten)
  4. Viele, gerade ältere Projektmitarbeiter wollen gesteuert werden. Sie arbeiten am liebsten mit klaren Aufträgen. Mit Selbstorganisation würden wir diese Mitarbieter überfordern und demotivieren.
  5. Manche Projektarten brauchen eine solide Planung und das Nachhalten des Fortschritts. Große Anlagen- und Bauprojekte beispielsweise könnten mit einer rein agilen Vorgehensweise und ohne klassische Werkzeuge nicht erfolgreich verlaufen.
  6. Selbst wenn jeder Projektmanager und jedes Projektteam agile Ansätze in Zukunft so intensiv wie möglich einsetzen wollen, dauert es eine Zeit bis das erreicht ist. Auf dem Weg zu rein agiler Projektarbeit braucht es einen sanften Übergang von klassisch nach agil.

Diese Antworten motivieren mich, weiterhin Projektmanagement-Methoden zu vermitteln.

Das Aufzeigen der Gründe, warum Projektmanagement auch heutzutage noch sinnvoll ist, hat mich motiviert weiterhin Projektmanagement zu vermitteln. Unsere Welt ist eben einfach nicht schwarz und nicht weiss, sie ist bunt – und genau so bunt werden auch immer die bestmöglich passenden Projektumgebungen für Unternehmen sein. Jedes Projekt sollte individuell mit seinem Kontext betrachtet werden und daraus der beste Mix an Methoden festgelegt werden, mit denen man es durchgeführt werden soll.

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Kommentare:

  1. Uwe Fischer sagt:

    Volle Zustimmung! Agilität und „Klassik“ sind keine Gegenpole. Selbtsorganisation der Teams ist auch in klassisch geführten Projekten ein wesentlicher Erfolgsfaktor.

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