6 häufige Irrtümer von Entscheidern über das PRINCE2 Training (Teil 1)

In PRINCE2-Blog by Oliver Buhr1 Comment

Diese Erkenntnisse über PRINCE2 überraschen viele (besonders Nr. 2)

Ich darf mich als einen der ersten PRINCE2-Trainer Deutschlands bezeichnen. Seit 15 Jahren arbeite ich aktiv mit PRINCE2 in meinen Projekten. Immer noch ist PRINCE2 für mich die beste Projektmanagementmethode, die öffentlich verfügbar ist. Wenn ich jedoch so manche vertrieblichen Versprechungen über die Möglichkeiten mit PRINCE2 höre, dann stehen mir die Haare zu Berge. Zeit, um mal Klartext zu reden und dafür zu sorgen, dass Du keine Fehlentscheidungen triffst. Hier kommen meine ersten drei Erkenntnisse, die Du wissen solltest, wenn Du ein PRINCE2 Training planst:

Irrtümer über PRINCE2 Training

1. Irrtum: PRINCE2 ist sofort einsetzbar

Durch seine sehr konkreten Beschreibungen von Rollen, Prozessen und Informationen suggeriert uns PRINCE2, dass es sofort einsetzbar ist. PRINCE2 wird wie ein Tool betrachtet. Das ist ein trügerischer Ansatz. Die Beschreibungen sind nämlich sehr allgemein gehalten und brauchen eine individuelle Anpassung an die spezifischen Projekte Deines Umfeldes. Der wichtigste Aspekt für die Anpassung ist jedoch, dass die Templatevorschläge von PRINCE2 sehr umfassend sind. Damit sind sie vielleicht in großen Projekten ganz passabel einsetzbar, in kleineren Projekten ist jedoch ein drastisches Downsizing notwendig.

Was tun?

Plane nach dem Training eine Implementierungsphase ein. Dazu gehört die Etablierung einer adaptierten Version von PRINCE2. Sorge dafür, dass die Anwendung bei den Projektmanagern durch einen erfahrenen Praktiker begleitet wird. Vorsicht vor der 1:1-Übernahme von PRINCE2-Templatesätzen. Als Grundlage sind sie gut, zum direkten Einsatz schädlich.

Konkret: Mit einem Basisset, bestehend aus 3-8 angepassten PRINCE2-Dokumenten kann schon eine spürbare Verbesserung erzielt werden. Beginne mit Projektbeschreibung, Business Case und Phasenabschlussbericht. Mehr dazu findet Ihr z. B. hier:

2. Irrtum: Ein PRINCE2-Foundation-Zertifikat führt direkt zu Verbesserung in unseren Projekten

Dies ist für viele der Leser der wichtigste Punkt: Das vom Urheber AXELOS konzipierte Training „Foundation“ ist dafür konzipiert, den Teilnehmern WISSEN zu vermitteln. Darauf ist auch das Examen ausgelegt. Im Examen wird lediglich das im Training vermittelte Wissen abgefragt. Aus einem erworbenen Zertifikat kannst Du also nicht ableiten, dass der Besitzer es KANN. Ein frisches, nicht durch Erfahrungen bestätigtes Wissen bildet nach dem Training im echten Projektalltag ein brüchiges Fundament. Die fehlende Expertise kann sich in unterschiedlichen Symptomen äußern:

  • Eine überbordende Anwendung von Projektmanagement, die ein Projekt bis zur Atemnot in Bürokratie versinken lässt
  • Eine Denkblockade durch Unfähigkeit zum Praxistransfer.

Die Umsetzung des WISSENS in KÖNNEN muss anders erfolgen als in standardisierten Foundation-Trainings.

Was tun?

Damit ein Teilnehmer sein Wissen nach einem PRINCE2 Training anwenden kann, muss er es erleben. Informationsflut und Wissensabfrage reicht nicht. Es gibt einige wenige Anlässe, um nur ein PRINCE2-Zertifikat haben zu müssen. Zum Beispiel als Anforderung in Ausschreibungen. Für alle anderen Anlässe gilt: Praxisarbeit mit PRINCE2! Unsere Kunden bevorzugen immer mehr unser Angebot, das praktische Kennenlernen von PRINCE2 und den Erwerb des Zertifikats voneinander zu trennen. Für Ersteres liefern wir individuelle Workshops auf PRINCE2-Basis mit 100% Praxisanteil. In einem abgestimmten Projektszenario erleben die Teilnehmer gelebtes PRINCE2 vom Start eines Projektes, bis zu seinem Abschluss. Ohne Examensdruck. Für Zweiteres begleiten wir das Selbststudium bis zur Zertifizierung.

Konkret: Denke darüber nach, ob es für Dein Unternehmen bei der Qualifizierungsmaßnahme vordergründig um den Nachweis der Zertifizierung geht. Wenn ja, dann wähle einen der vielen Anbieter für ein normales Foundation PRINCE2-Training. Wenn es Dir stattdessen um echte und nachhaltige Veränderungen in Deiner Projektpraxis geht, suche Dir einen erfahrenen Anbieter, der mit Dir ein individuelles Praxistraining auf Basis von PRINCE2 durchführt (meine Empfehlung brauche ich Dir nicht zu nennen 🙂 ).

3. Irrtum: Alles, was man im Projektgeschäft braucht, steckt im PRINCE2 Training

Ein PRINCE2 Training liefert eine ideale Grundlage für das Projektmanagement. Sich als Projektmanager oder Projektunternehmer allerdings nur darauf zu verlassen, ist zu eng gedacht. Denn ein Projekt besteht aus mehr als nur dem dafür notwendigen „Management“. Viele andere Aspekte tragen zum Erfolg in Einzelprojekten und im gesamten Projektgeschäft bei. Es geht auch um eine effiziente und kundenorientierte Facharbeit, es geht um die Stakeholder. Es gaht darum, die Veränderungen, die ein Projekt bewirken soll, aktiv zu gestalten. Projektunternehmer, die die Gesamtheit ihrer Projekte erfolgreich gestalten wollen, sollten über Portfoliomanagement und Projektoffices nachdenken. Wenn Ihr euch lediglich auf das Management konzentriert, könnte es dazu kommen, dass die Defizite in den anderen Aspekten zu gravierenden Schwächen führen (Qualität, Performance, Akzeptanz) und vielleicht durch das Projektmanagement gar nicht erkannt werden. Ein gesamthaftes Bild über alle Facetten von Projektarbeit findet sich in der SmartPM-Landkarte (Download hier). Mehr dazu im nachfolgenden Video.

Was tun?

In der Medizin kommt vor der Therapie die Anamnese. Das gleiche gilt auch im Businesskontext. Mache Dir klar, wo Eure Schwachstellen sind. Was möchtest Du mit der Lösung „PRINCE2-Training“ eigentlich erreichen? Liegt der erste Schritt wirklich bei der Optimierung des Projektmanagements? Oder liegt die Ursache vielleicht in der Teamzusammenarbeit? Beispielsweise starteten einige unserer Kunden nicht mit der Optimierung des Projektmanagements, sondern mit dem Portfoliomanagement. Denn dort war der Hebel viel größer und der Nutzen war schnell erzielbar.

Konkret: Bevor Du Dich auf PRINCE2 stürzt, führe mit anderen Schlüsselepersonen in Projekten eine Bestandsaufnahme durch, identifziere die aktuellen Schwachstellen und erstelle ein klares Zielbild. Methodische Hilfe liefert unser ProjektScan (Teil des Wirkungspaketes).

Um es klarzustellen: Wir sind überzeugt und begeistert von PRINCE2. Es liefert eine ideale Grundlage, um in Unternehmen das Projektgeschäft höchst effizient zu gestalten. Es vermittelt die wichtigsten Erfolgsprinzipien für Projekte und gibt den handelnden Personen eine Basis für eine gemeinsame Sprache für Rollen, Abläufe und Projektinformationen. Deshalb ist PRINCE2 auch in Zukunft ein wichtiger Bestandteil dessen, was wir in unseren Trainings und unserer Beratung vermitteln – doch NUR DANN, wenn in einem PRINCE2 Training wirklich die praktische Anwendung und Implementierung der Methode in ein reales Businessumfeld trainiert, also das KÖNNEN geübt wird.

In Kürze geht es weiter mit Teil 2 der sechs häufigsten Irrtümer von Entscheidern über PRINCE2 Trainings. Du hast den Blog noch nicht abonniert? Trag Dich einfach auf der rechten Seite mit Deiner Mailadresse ein.

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