Neulich durfte ich einen Vortrag beim Netzwerktreffen eines befreundeten Unternehmens halten. Ich stand in einem Raum voller erfahrener Projektleiter, Berater und Techniker. Meine erste Frage war simpel: „Wer von euch hat in den letzten zwei Wochen KI in der Projektarbeit genutzt?“ Fast jede Hand ging hoch. Dann kam meine zweite Frage. Und plötzlich war es still: „Wer glaubt, dass das, was er da gerade macht, in zwei Jahren noch einen Unterschied zum Kollegen nebenan macht?“
Um diese Stille geht es. Denn die spannende Frage im KI-Zeitalter ist nicht, was KI alles kann. Sie lautet: Was bleibt übrig, wenn KI fast alles kann? Und warum ist genau das dein größter Vorteil?
Die unbequeme These: KI macht Kompetenz zur Nulllinie
Nach über 20 Jahren im Projektgeschäft ist mein Ausgangspunkt bewusst zugespitzt:
„KI macht Kompetenz zur Nulllinie. Was künftig zählt, ist das, was schwer ist, selten ist – und das bist du.“
Das ist keine Panikmache. Und kein Hype. Dahinter steckt eine simple Marktlogik: Was leicht verfügbar und beliebig kopierbar wird, verliert an Wert. Und genau das passiert gerade mit vielen Fähigkeiten, für die wir jahrelang gutes Geld bekommen haben.
Was KI heute schon kann, in Minuten statt Tagen
Werden wir konkret. Diese sieben Aufgaben erledigt KI im Projekt- und Technikumfeld heute schon erstaunlich gut:
- Dokumentation & Specs: saubere Spezifikationen, Architektur-Diagramme und Schnittstellen-Doku in Minuten.
- Reviews & Qualitätssicherung: Analyse auf Sicherheitslücken, Performance-Probleme und schlechte Muster.
- Fehlersuche & Debugging: Logs auswerten, wahrscheinliche Ursachen und Lösungswege vorschlagen.
- Projektplanung & Risiko-Analyse: versteckte Kosten und Risiken aus vergleichbaren Projekten ableiten.
- Automatisierte Tests: Testfälle, Szenario-Abdeckung, Lasttests. Du validierst nur noch.
- Refactoring & Modernisierung: Legacy-Systeme analysieren und Modernisierungspfade aufzeigen.
- Onboarding & Wissenstransfer: Architektur erklären, Tutorials schreiben, Fragen rund um die Uhr beantworten.
Die ehrliche Konsequenz? Dafür brauchst du bald keinen teuren Spezialisten mehr. Fachwissen allein wird zur Grundausstattung. Zur Nulllinie eben.
Die gute Nachricht: Vier Dinge werden jetzt wertvoller
Wo Kompetenz zur Nulllinie wird, steigt der Wert von allem, was KI nicht kann. Aus meiner Erfahrung sind das vier Dinge.
- Vertrauen & Beziehung
Vertrauen entsteht im Gespräch, nicht im Prompt. KI schreibt dir jedes Protokoll. Aber sie schafft keine Räume, in denen Menschen offen aussprechen, was im Projekt wirklich schiefläuft. - Urteil unter Unsicherheit
Der Plan kippt, die Daten schweigen, und trotzdem musst du entscheiden. Das ist der Moment des erfahrenen Projektleiters oder technischen Leads. Dafür gibt es kein Trainingsdatenset. - Haltung & Verantwortung
Ein klarer Standpunkt zu Methoden und Trade-offs, der aus echter Erfahrung kommt statt aus Trainingsdaten. Dazu kommt etwas, das keine KI übernimmt: Du stehst persönlich gerade, wenn es schiefgeht. Das erzeugt eine ganz andere Sorgfalt. - Spannung aushalten
Technische Projekte leben in Spannungen. Schnell gegen stabil. Elegant gegen pragmatisch. Innovativ gegen bewährt. KI optimiert auf den Durchschnitt. Ein guter Lead hält die Spannung aus und entscheidet bewusst, was gerade Vorrang hat.
Und dann war da noch: Führung
Einen Punkt hatte ich im Vortrag glatt vergessen. Ein Teilnehmer hat ihn zu Recht ergänzt: Führung. Menschen motivieren, sie durch Unsicherheit tragen, aus Einzelkämpfern ein Team machen. Das automatisiert dir niemand weg. Es ist vielleicht der menschlichste Teil unserer Arbeit. Und je mehr KI die Fachaufgaben übernimmt, desto wichtiger wird genau das.
Was das konkret für dich heißt
Drei Gedanken für deinen Alltag, bewusst schlank gehalten:
- Hör auf, mit der KI um Fachwissen zu konkurrieren. Diesen Wettlauf gewinnst du nicht. Steck deine Energie in Urteil, Beziehung und Haltung.
- KI ist nur so gut wie die Organisation drumherum. Ohne klare Standards, verfügbaren Kontext und Menschen, die den Output prüfen, vervielfacht sie nur das Chaos. Also: Methodik vor Tool.
- Mach deinen unfairen Vorteil sichtbar. Was nur du kannst, nützt niemandem, solange es keiner sieht.
Dein unfairer Vorteil
Eine Frage ist auch nach dem Vortrag noch hängengeblieben. Ich gebe sie dir mit:
„Was tust du in deiner Arbeit, das du keinem KI-System in einem Prompt erklären könntest?“
Wer das für sich beantwortet, hat verstanden, worauf es in den nächsten Jahren ankommt. Nicht auf mehr Wissen. Davon hat die KI reichlich. Sondern auf das, was schwer ist und selten. Und das bist du.
Lust, diese Fragen weiterzudenken?
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